Seit nun zweieinhalb Jahren bin ich mittendrin im Alltagswahnsinn Krankenhaus und mein Herz immer mit dabei, ganz nah dran. Einfach ist es nicht, den Spagat zwischen Mit-Dabei und Gesunder-Abstand zu schaffen. Wo der Verstand und die Gehirnzellen auf Hochtouren arbeiten, um ja nichts zu vergessen und zu übersehen, da pocht das Herz eben auch und darf nicht vergessen werden. Ich bin mit Herz bei der Sache. Es pocht nicht nur schneller vor Adrenalin, sondern auch vor Empathie, Trauer, aber auch Wut, Unverständnis. Und Freude! Herzhaft lachen, so heißt es, und auch das kommt vor. Es gibt Patienten, denen bin ich emotional näher gestellt als anderen und kann gar nicht direkt ausmachen, woran es liegt. Manche berühren sofort mein Herz. Und auch umgekehrt habe ich das Gefühl, dass der Draht zu dem Herz gewisser Patienten stärker ist und schneller erreicht werden kann. Dabei möchte ich bei dem ganzen Stress nicht vergessen, herzlich zu sein. Das geklingt nicht immer, leider. Manchmal wird das Herzliche einfach unterbuttert, ungewollt.

Auch sieht man Herzen brechen und steht hilflos daneben. Alles getan und dennoch können die Angehörigen nicht davor bewahrt werden, dass das Herz vor Trauer zerbirst. Vor Wut, vor Verlust, vor Entsetzen. Dann steht man da, fingert an seinem Leukosilk in der Kitteltasche herum, und kann damit doch auch nichts kitten, nichts wieder zusammen kleben. Also Herz in die Hand nehmen und versuchen zu trösten, herzlich sein, das Herz sprechen lassen. Unterstützung anbieten und Halt geben. Und nachher sein eigenes Herz wieder ermuntern, aufbauen.

Dann gibt es noch die Dinge, die von Herzen kommen. Ich erinnere mich an diesen einen Patienten, nachts, am Wochenende, in einem meiner allerersten Dienste. Kurze Momente in der Notaufnahme und doch war da dieser Draht direkt da. Ich tat mein Bestes und konnte ihm allein schon mit Worten und Herzlichkeit helfen. Ich begann eine Therapie und entließ ihn auf Station. Kurz vor seiner Entlassung besuchte ich ihn, um ihm alles Gute zu wünschen und mich zu verabschieden. Er hatte mein Herz berührt. Er dankte mir. Nachmittags fand sich ein kleines Buch, Der Wunderdoktor, auf meinem Schreibtisch. Wir hatten uns über Bücher unterhalten und dieses schenkte er mir. Er hatte nicht nur mein, nein, ich konnte auch sein Herz berühren. Das werde ich nie vergessen und hoffe, dass ich dieses Herzliche nicht verliere im stressigen Klinikalltag. Das Büchlein wird mich daran erinnern.

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